100 TAGE PROJEKT – COFFEEFILTER MEETS INK – Vollendung

Mittlerweile habe ich das Projekt tatsächlich beendet. 100 Tage lang, egal ob ich krank oder auf einer Reise war, habe ich täglich ein Bildchen auf einen Kaffeefilter gemalt. Vor kurzem habe ich die Bildchen laminiert, damit ich sie besser bewahren kann. Als ich das einzelne Bild wieder vor Augen hatte, erinnerte ich mich an die kleinen schönen Momente in den letzten drei Monaten. Ich bin dankbar, dass diese Idee damals zu mir gekommen ist und mich motiviert hat, das Ganze ohne Sinn und Zweck zu Ende gebracht zu haben, einfach aus einer Vereinbarung mit mir selbst. Ich habe gelernt, die Kleinigkeiten im Alltag zu schätzen, bin achtsamer geworden, habe schöne chinesische Gedichte zu den Bildchen gefunden und bin gleichzeitig im Malen ein bisschen besser geworden. Das reicht.

Strich für Strich: Meine tägliche Übung der chinesischen Kalligraphie

In meiner Schulzeit als ich in den Ferien bei meinem Opa war, legte er einen Pinsel, Tinte und ein großes Blatt Xuan-Papier auf den Tisch und ließ mich die Kalligraphie üben. Obwohl ich nicht verstand warum ich das machen sollte, merkte ich eine Besonderheit beim Schreiben mit einem Pinsel, etwas magisches. Meine beiden Opas praktizierten die Kalligraphie täglich. Der Stil ihrer Schriften war für mich wie Himmel und Erde. Der eine war wie ein fliegender Drache, abstrakt und fließend. Der andere war klar und fein. Ich schaute ihnen sehr gerne zu. Der Pinsel bewegte sich mit der Hand in der Luft wie fließendes Wasser, wie ein tanzender Zauberstab. Die Schriften waren keine Schriften mehr, sondern Gemälde.

Meine Verbindung mit der Kalligraphie ist leider irgendwann verloren gegangen, bis ich dieses Jahr während des chinesischen Neujahrsfests nach Hause flog. Mein Onkel hat mir ein Kalligraphie-Set in einer Schachtel geschenkt, die sogenannten „vier Schätze des Gelehrtenzimmers“ (Schreibpinsel, Tusche, Papier und Reibstein). Und er hat noch einen alten Pinsel von meinem Opa gefunden und ihn mir gegeben. Dann dachte ich, dass ich auch einen Pinsel von meinem anderen Opa als Andenken mitnehmen sollte. Als Papa sah, dass ich gut mit Werkzeugen für die Kalligraphie ausgestattet war, schenkte er mir zusätzlich noch einige Vorlagenbücher. So, mit einem Koffer voller Kalligraphie-Schätze, war ich wieder zurück nach Deutschland gekommen.

Ich weiß nicht, ob ich die Kalligraphie wiedergefunden habe oder umgekehrt. Allerdings wurde die Verbindung zwischen uns wieder hergestellt. Ich will nun mit Opas Pinsel die chinesische Kalligraphie erlernen. So habe ich mit der Siegelschrift (篆书) nach einer Vorlage von Deng Shiru (邓石如), einem Meister der Siegelschrif aus der Qing Dynastie, angefangen, und zwar täglich Strich für Strich. Egal wie spät es ist, schreibe ich täglich vier Zeichen. Wenn ich auf einer Reise bin, nehme ich das Set mit, damit ich überall die Kalligraphie üben kann. Langsam habe ich begonnen diese Besonderheit bzw. versteckte Magie der Kalligraphie zu entdecken, die ich als Kind nur spürte, aber nicht verstand.

Hier sind ein Paar Denkanstöße zur Übung der chinesischen Kalligraphie.

1. Die einfach aussehenden Dinge sind nicht unbedingt einfach zu erlernen, wie z.B. der horizontale und vertikale Strich mit hebendem Arm zu schreiben. Dafür benötigt man innere Ruhe, Geduld und Langsamkeit.

2. Manchmal führt Ziellosigkeit zum Ziel. Einfach weiter machen.

3. Kalligraphie zu üben ist meditativ, verlangsamt den Atem und spendet Energie.

4. Die chinesische Kalligraphie ist ein Schlüssel zur chinesischen Kultur und Lebensweise.

5. Lernen mit den großen Meistern der Geschichte ist ein guter Weg. Der Weg ist wie eine Zeitreise. Auf dem Weg teilen sie mir ihre Geschichten und Erfahrungen mit.

Ich bin dankbar, dass die Kalligraphie mich wieder gefunden hat. Ich habe noch einen langen Weg auf der Entdeckungsreise der chinesischen Kalligraphie vor mir. Aber ich habe keine Eile und werde weiterhin Strich für Strich diese Welt erkunden.

100 Tage Projekt – Coffeefilter meets ink – Update

Bis heute habe ich 45 Bildchen gemalt. Die Hälfte des Projekts ist bald geschafft. Im Laufe der Zeit muss ich nun nicht mehr „durchhalten“, um das Ziel zu erreichen. Das Malen ist ein Bestandteil meines Alltags geworden. Das ist keine Belastung, sondern eine Bereicherung. Abends denke ich darüber nach, was tagsüber passiert ist, welche schöne Dinge ich gesehen habe und was mich berührt hat. Dann fang ich an zu malen. Das Motiv war z.B. ein Hase, den ich morgens auf dem Weg zur Arbeit gesehen habe. Er saß sehr ruhig neben einem Baum auf der Wiese. Ich ging ganz langsam zu ihm und habe endlich ein Foto geschossen. Normalerweise klappt das nie bei mir, ein Foto von einem Hasen in der Nähe zu machen. Vielleicht war er auch noch nicht ganz wach wie ich. ☺️ Am Abend versuchte ich, den Hasen zu malen. Die Kontur sah einfach aus. Beim Malen war es aber gar nich einfach, den Hasen realitätsnah darzustellen. Mal stimmte die Proportion nicht. Mal stimmte die Form nicht. Nach dem sechsten oder siebten Mal hatte ich ein relativ zufriedenstellendes Ergebnis.
Weitere Beispiele sind: Ein Foto von der Tochter einer Freundin. Sie war sehr stolz darauf, ihre Haaren schön geflochten zu haben. Eine weiße Taube, die ich unterwegs sehen habe. Oder aber einer meiner „Schätze“ zu Hause: Herr Fusch (mein Fisch), der täglich mit seiner „Show“ mich zum Lächeln bringt; meine Teekannen und Tassen, die ich gesammelt habe und für verschiedene Tees benutze; meine Laterne auf dem Balkon, die den dunklen Abend mit der sanften Kerzenbeleuchtung erleuchtet; meine Lieblingsbluse, mit der ich mich sehr wohl fühle; der Pinsel meines Opas, mit dem ich täglich Kalligraphie übe, als ob er bei mir wäre; meine kleine Vase mit den Blümchen, die ich vom verwelkten Strauß „gerettet“ habe. … Es gibt so viel über die kleinen Dinge im Alltag zu erzählen. Genau diese Dinge haben meine gehetzten Schritte zu der Arbeit angehalten und meinen „rasenden“ Kopf nach der Arbeit heruntergeschaltet. Durch das Malen habe ich gelernt, die Dinge anders zu betrachten. Die Linien, die Formen, die Proportionen und das Leben an sich. Sie sind in meinen Augen präsent und lebendig geworden. Sie bringen die Schönheit und Lebendigkeit in den Alltag. Ich bin dankbar, sie gesehen zu haben. Als Dankeschön möchte ich sie weiter malen.

100 Tage Projekt – Coffeefilter meets ink

Schon als Kind fand ich es schön, malen zu können. Als meine Schulfreundin bereits innerhalb von weniger als einer Minute lebendige Mädchenfiguren mit dem Kugelschreiber fertig skizzieren konnte, war ich noch nicht in der Lage einen Hasen aufs Papier zu bringen. Leider hat der liebe Gott mir diese Gabe nicht geschenkt, dachte ich damals.

Trotzdem bin ich immer von der Malerei fasziniert gewesen. Dieser Traum aus der Kindheit hat sich die ganze Zeit in einer Ecke meiner inneren Welt versteckt und wacht im Laufe der Zeit langsam auf. Mir ist aufgefallen, je älter ich werde, desto eher probiere ich Sachen aus, die ich mir als Kind gewünscht habe. Ich fing somit an zu malen. Genauer gesagt, versuche ich, Bilder, die ich mag, nachzumalen. Das macht mir jetzt einfach Spaß. Wenn ich male, scheint die Welt stehenzubleiben. Ich tauche dann in eine Welt, in der es nur das Bild, das Papier, die Pinsel und die Farben gibt. Ich spüre meinen Atem, meinen Herzschlag und die verlangsamte Zeit. Langsam versuche ich auch, frei zu malen. Es ist nicht einfach. Aber mein Ziel ist es nicht, Malerin zu werden. Ehrlich gesagt, ich habe überhaupt kein Ziel. Ich genieße nur den Moment der Langsamkeit und die innere Ruhe.

Vor kurzem brauchte ich wieder Kafffeefilter und ließ meinen Mann sie für mich kaufen. Da er kein Kaffeetrinker ist, hat er die falschen gekauft. Was mache ich damit, dachte ich. Wegzuwerfen fand ich zu schade. Daher lag die Packung die ganze Zeit im Schrank bis…

Irgendwann bekam ich die Idee, täglich ein kleines Ding, das mir Freude im Alltag bringt, zu malen. Diese Kaffeefilter sind doch für diesen Zweck als Malpapier perfekt. 100 Tage, 100 selbst gemalte Bildchen. Wie schön, dachte ich. So ist das 100 Tage Projekt -Coffeefilter meets ink- entstanden. Ich erwarte nichts und genieße nur die Zeit, mit dem Pinsel den Kaffeefilter zu berühren. Mittlerweile habe ich zwei Wochen durchgehalten und bin froh, das Projekt gestartet zu haben.